Verwandlung eines Nazidenkmals

Das „Ehrenmal“ am Peter Höfer-Platz in Solingen Höhscheid

Der heutige Peter-Höfer-Platz wurde nicht immer durch Naziästhetik geprägt. Bis 1937 stand dort das eigentliche „Denkmal“, eine Statue von Kaiser Wilhelm I. Die damals völkisch gesinnten Höhscheider beseitigten den „Kleinen Kaiser“ kurzerhand, der heute in einem privaten Garten steht, und beauftragten den Bildhauer Harry Stratmann ein kriegsverherrlichendes sogenanntes „Ehrenmal“ an dessen Stelle zu errichten.
Die Nationalsozialisten haben hier „ihre Rassenideologie in Stein gehauen“.
Die Grundsteinlegung erfolgte mit allen regionalen Nazigrößen am 16. Januar 1937, die Enthüllung am 23.5.1937?. Harry Stratmann wurde im selben Jahr Mitglied der NSDAP.

Politische Funktionen von Kunst

Kunst und NS-Erinnerungskultur gibt es schon so lange wie die Gräueltaten selbst, denn ästhetische Ablenkung wirkte auch damals als Gegengewicht zur Vernichtung: bspw. musizierten und dichteten (meist im Geheimen) Gefangene in Mauthausen, während sich Täter:Innen in ihren Aufenthaltsräumen mit kitschigen Gemälden ablenkten. Aber auch nach dem Krieg half Kunst der Aufarbeitung traumatischer Erlebnisse, drückte Emotionen aus, die nicht in Worte gefasst werden konnten und ermöglichte Kommunikationschancen. Kunst provozierte Dialoge, zu denen es sonst oft nicht gekommen wäre.«*Raffaela Gmein

Die Verwandlung (Theorie)

Die Spuren des Nazikünstlers in Solingen bedürfen der künstlerischen Aufarbeitung.
Insbesondere in einer Zeit, in der Rechte und Nazis wieder an Bedeutung gewinnen, scheint es falsch, so etwas unverändert zu bewahren.
Der SGKV will mit den Bürgerinnen und Bürgern nicht nur darüber diskutieren, ob ein solch dominantes Denkmal in typischer Naziästhetik, das der Soldaten gedenkt, für eine heutige Erinnerungskultur noch ausreicht, sondern mit den KünstlerInnen der „Künstlergruppe Ester“ mit einer Verhüllung und temporären Übermalung des Denkmals eine andere Ästhetik sichtbar machen.
Projektleitung: Andreas Schäfer
Projektbeginn: Januar 2022

AKTION 1 DER KÜNSTLERGRUPPE ESTER

Am Sonntag, den 04. September 2022

DIE KUNSTAKTION

Das „Nazidenkmal“ soll eingerüstet und mit Leinwand umhüllt werden. Die Künstlergruppe wird, auf dem Gerüst agierend, mit ausdrucksstarker malerischer Geste und Maltechnik die ganze Leinwand mit roten Farben und Flüssigkeiten tränken. Dies soll das grausame Sterben der Opfer der ethnischen Säuberung durch die Nazis symbolisieren. Mit Megaphon wird als „Wegzeichen“ aus dem Gedichtband „Am Rand unserer Lebenszeit“ von Erich Fried vorgelesen… (Österreichischer Lyriker, Übersetzer und Essayist, der ab 1938 in London im Exil lebte.)
Anschließend werden den Zuschauern Holzkreuze ausgehändigt, die dann auf dem Boden um das Gerüst verteilt werden, um der Opfer des Genozids zu gedenken.

RAHMENPROGRAMM

Hinter dem „Nazidenkmal“ – auf dem Peter-Höfer-Platz – wird eine Musikbühne aufgebaut. Hier wird Kutlu Yurtseven auftreten, der als Sänger und Aktivist gegen Faschismus, Rassismus und Antisemitismus bekannt ist.

Neben Kutlu Yurtseven wird die Stimme von Esther Bejarano zu hören sein (Bandaufnahme). Bejarano hat das KZ Ausschwitz-Birkenau überlebt und Zeit ihres Lebens gegen Antisemitismus, Faschismus und Rassismus gekämpft.

„Ihr habt keine Schuld an dieser Zeit. Aber ihr macht euch schuldig, wenn ihr nichts über diese Zeit wissen wollt. Ihr müsst alles wissen, was damals geschah. Und warum es geschah.“
Esther Bejarano

Mit dieser Aktion werden das „Nazidenkmal“ und der Platz mittels Kunst verwandelt.
(Neue Räume des Denkens und Wahrnehmens der Vergangenheit in die Gegenwart öffnen sich…)
Die Künstlergruppe Ester will mit dieser Aktion auf die Notwendigkeit hinweisen, Erinnerungskultur sichtbar zu machen, d.h. dem öffentlichen Raum wird durch eine neue Sicht Leben eingehaucht.

Daher fordern wir Künstler:innen wie auch der Solinger Kunstverein, dass das Denkmal gut sichtbar kommentiert – mit entsprechenden Erklärungen und Hinweisen – zur Aufklärung, demokratischer Bildung und gewünschter Politisierung beitragen kann.